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BLICKKUNST

Fotografie + Fotodesign

Seit kurzem können auch Fotografen- und Filmteams gefahrlos die strahlungsfreie Industrieruine als Foto- und Filmlocation nutzen. Ein zugegebenermaßen teures ab auch einzigartiges Bauwerk von besonderem Charme und „Schönheit“.

Ende Dezember 2016 erhielt ich die Gelegenheit, mich dem ersten deutschen Fotografenteam anzuschließen, das mit etwas Glück eine Fotografiererlaubnis für das AKW Zwentendorf erhielt.

 

Lets go inside!

 

An einem grauen Dezembertag machen wir uns auf den Weg in das Innere der strahlungsfreien Atomanlage. Unglaublich, das Gebäude hat 1050 Räume und kein einziges Fenster! Leider haben wir für die Besichtigung nur ein begrenztes Zeitkontigent von fünf Stunden. Damit wir uns nicht verlaufen, bekommen ich zusammen mit einem Fotografenkollegen einen Führer zugeteilt. Er kennt die interessantesten Räume und lässt uns je Raum ausreichend Zeit für unsere Fotoaufnahmen.

Es ist gespenstisch still in der Anlage. Man hört nur das Surren der Leuchtstoffröhren und gelegentlich das Zufallen einer Stahltüre. Ich fühle mich verloren im Innern dieser gigantischen Anlage. In den ersten Räumen wirkt die Anlage fast so, als ob sie tätsächlich in Betrieb wäre. Alle Räume sind beleuchtet, die Kontrolllampen blinken, auf den Umkleideschränken der Personalräume stehen Schutzhelme, Arbeitskleidung hängt an den Bügeln über den Waschbecken.

Spätestens beim Betreten der Reaktorräume wird jedoch klar: Die Anlage liegt seit fast 40 Jahren im Dornröschenschlaf. Im Normalbetrieb wären die Reaktorräume aufgrund der Strahlenbelastung nicht betretbar. Ich lasse mit einem Seil Kamera und Stativ in das 20 m tiefe Flutbecken hinab und steige anschließend über eine Leiter selbst hinab. Am Boden des Flutbeckens habe ich direkten Blick auf den Reaktorkern, den Ort an dem 484 hochradioaktive Brennstäbe ihren Dienst verrichtet hätten. Es ist ein banges und unbeschreibliches Gefühl. Im Normalfall hätte ich diese Aufnahmen niemals machen können.

 

„Die Energie der Zukunft“ steht auf einem riesigen Schild in der Turbinenhalle. Heute, nicht einmal 40 Jahre später, müsste der Satz auf dem Schild geändert werden in: „Die Energie der Vergangenheit“

 

Mit den nachfolgenden Bildern tauche ich weiter von Raum zu Raum in das Innere der Anlage ein und bin fasziniert vom Kontrast der unbenutzten, wie neu wirkenden und blitzblank polierten Bauteile und der zugleich vollkommen veralteten Anlagentechnik.

ATOMKRAFT? - NEIN DANKE

 

Mehr als drei Jahrzehnte vor Fukushima und knapp acht Jahre vor Tschernobyl entschied das österreichische Volk über die Zukunft der Kernenergie in ihrem Heimatland. Mit einer knapper Mehrheit von 50,47% wurde am 5. November 1978 in einem Volksentscheid die Inbetriebnahme des in der Nähe von Wien stehenden Atomkraftwerks Zwentendorf abgelehnt.

 

Es erhielt damit einen einzigartigen Status: Es ist das einzige, der weltweit 442 Atomkraftwerke, das nie in Betrieb ging. Sechs weitere Jahre wurde das AKW-Zwentendorf noch betriebsbereit gehalten bis es dann im März 1985 endgültig liquidiert wurde. Etwa eine Milliarde Euro waren bis zu diesem Zeitpunkt verloren.

 

Die Frage war nun: Was macht man mit einem Atomkraftwerk, das nicht ans Netz gehen darf? Statt eines Abrisses entschied man sich für die weitere Nutzung als Ersatzteilspender für baugleiche Atomkraftwerke und als Schulungsort für Kraftwerkspersonal.

 

 

 

Unter einem Dach

 

Ich fahre jeden Tag auf dem Weg zu meiner Arbeit mit dem Zug daran vorbei: Das Schwabencenter. Drei riesige Betonklötze mit 20 Stockwerken. Die größte Wohnanlage in Augsburg. 1200 Menschen wohnen in dem 1971 errichteten Gebäudekomplex mit integriertem Einkaufszentrum und riesigem Parkdeck. Die ganz im Stil von Le Corbusier gehaltene Architektur - aus Stahl und Beton gebauter Wohnkomplexe mit einheitlichen Wohneinheiten- galt in den 70er Jahren als praktisch und modern. Doch das Gebäude ist in die Jahre gekommen, die Fassade ist grau und schmutzig, das Parkdeck ist sanierungsbedürftig und gesperrt, in der Einkaufszeile findet man nur noch Billigketten, Schnell-imbisse und Handyshops.

Ein bunter Mix an Menschen und Kulturen leben hier „unter einem Dach“ zusammen. Ein Mikrokosmos mit Straßenbahn-anschluss. Faszinierend und bedrückend zugleich. Mich interessiert: Wer wohnt hier? Ich möchte es herausfinden.

Ich werfe in 600 Briefkästen ein Infoblatt ein und bitte die Bewohner um ein kurzes Fotoshooting in ihrer Wohnung. Die Reaktion darauf ist nicht sehr ermutigend. Es melden sich nur ganz wenige, die bereit sind, mich in ihre Privat-sphäre eindringen zu lassen. Die Bewohner sind skeptisch, ängstlich oder einfach nur desinteressiert. Ich stelle mich stundenlang vor die Eingänge und spreche die Menschen an, die aus dem Hochhaus rauskommen oder rein gehen.

Ich versuche mein Projekt zu erklären und Vertrauen aufzubauen. Langsam öffnen sich die Wohnungstüren für mich und ich lerne ein buntes Spektrum an Menschen und Wohnungen kennen. Von dem einfach eingerichteten Einzimmerappartment mit 30 m² bis hin zur luxeriös eingerichteten 8 Zimmer Wohnung mit 200 m² Wohnfläche. Von der lichtdurchflutetenden Wohnung im 19. Stock bis zur fensterlosen Wohnung im Keller. Ich fotografiere ohne Regieanweisungen. Jeder darf sich von mir so ablichten lassen wie er gerne möchte. So entstehen Bilder, die viel über die Menschen und ihre Wohnungen zu erzählen haben.